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  • Barbara Bierach

Die neue Mitbewohnerin


Aus kleinen gelben Gesichtern gucken mich hunderte Augen vorwurfsvoll an. Die puscheligen Federbällchen reißen die Schnäbel auf und sehen plötzlich gar nicht mehr niedlich aus, sondern bedrohlich. Es ist, als würden sie zur Attacke krähen... Ich werde wach. Alles ok. Es ist dunkel, ich liege in meinem Bett. Keine Killer-Küken weit und breit.


Die liegen nämlich in meiner Tiefkühltruhe, stolze 250 Stück. Wenn ich nachts nach so einem Alpdruck im Bett sitze, frage ich mich, ob die neue Mitbewohnerin wirklich so eine gute Idee war. Ihre Essgewohnheiten sind in der Tat seltsam, auch verübt sie ihre Notdurft recht liberal wo und wann es ihr passt. Im Gegenzug hat sie Angst vor uns, manchmal kreischt sie vor Schreck, wenn wir kommen.


Neulich hat sie sogar versucht, auszuziehen. Da hüpfte sie die Straße runter und Ole Hubby nahm mit einem großen Handtuch bewaffnet die Verfolgung auf. Das hat er in einem günstigen Moment über sie geworfen und die Mitbewohnerin nach Hause getragen, damit sie kein Auto überfährt. Das fand sie jedoch unter ihrer Würde und hackte ihm in die Hand. Inzwischen hat sie ihm aber verziehen. Schließlich bringt er ihr jeden Tag zwei bis drei der aufgetauten Küken, die sie dann so zerrupft, dass mich ihr Schicksal bis in die Träume verfolgt.


Die Rede ist von Maja, dem Turmfalkenmädchen, das Ole Hubby vor sechs Wochen mit gebrochenem Flügel am Feldrand gefunden hat. Wir haben sie zu Lothar gebracht, einem deutsch-stämmigen Tierarzt und Falkner in Ballymote. Dort saß sie dann wochenlang mit einem Gipsverband herum. Dann kam Lothars Anruf: Was soll geschehen mit dem Tier? Einige Umbaumaßnahmen später fand sich Maja bei uns auf dem Hof in einem Käfig wieder und plant seither die Flucht.


Sie will abhauen und ich würde sie nur zu gerne ziehen lassen, aber bis auf weiteres wird das nichts. Ihr verletzter Flügel ist noch nicht stark genug, um zu sie zu tragen und ihre Schwanzfedern sind großenteils auch noch nicht nachgewachsen. Ohne die kann sie nicht rütteln – also beim Jagen in der Luft stehen – und daher auch keine Mäuse oder Ratten erlegen. Sich selbst überlassen in der Wildnis würde Maja im Moment schlicht verhungern. Einstweilen müssen wir uns also aneinander gewöhnen, ob es uns passt oder nicht.

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