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  • Barbara Bierach

Zu Besuch bei Varadkar


Gerade war Angela Merkel in Dublin, um den Iren zu versichern, dass Deutschland und die EU hinter ihnen stehen, wenn die Briten die EU verlassen und die grüne Insel aufs neue geteilt wird. Der Süden bleibt in der EU, Nordirland verlässt sie, zusammen mit dem Rest des Königreichs.


Bei ihrem Auftritt hat Merkel erst mal die Pferde scheu gemacht, drei Ponys waren dabei, in einem Park durchzubrennen, als ihr BMW vorbei donnerte. Katastrophen konnten jedoch vermieden werden und wir hoffen, dass das auch für den Rest des Trips galt.


Getroffen hat Merkel den irischen Regierungschef Leo Varadkar, der offen schwul lebt und dank seines indischen Vaters einen Hautton hat, der sich auf dieser sonnenarmen Insel sonst nur im Solarium erzielen lässt. Sie nennen ihn Tee-Schock. Nicht, weil der irische Kanzler immer nur Tee trinkt, sondern weil das gälische „Taoiseach“ so ausgesprochen wird.


Unter anderem lebe ich deswegen gerne in Irland, weil die Mehrheit der Iren Varadkar nicht auf Grund seiner Hautfarbe oder sexuellen Orientierung beurteilt, sondern für die Politik, die er macht. Das ist eine ziemliche Errungenschaft in einem Europa, in dem sich gerade Fremdenfeindlichkeit, Nationalismus und Engstirnigkeit so schnell verbreiten wie Schnupfenviren in einem vollen Bus. Und ziemlich cool verglichen mit einem Deutschland, in dem die größte Oppositionspartei AfD gerade fordert, unliebsamen Leuten mit Migrationshintergrund die deutsche Staatsbürgerschaft abzuerkennen.


Einen Tag bevor Merkel Varadkar traf, war ich mit ihm im selben Raum. Ehrlich! Allerdings saß ich nur oben auf der Besuchertribüne des Oireachtas, dem irischen Parlament, und hielt den Mund. Er stand unten und beantwortete Fragen aus dem Plenum. Nach der Fragestunde saß er ganz allein noch ein bisschen in dem ansonsten leeren Saal. Einsam sah er aus und ich kam nicht umhin zu denken: Was für ein mieser Job! Ständig wird man für jeden Mist verantwortlich gemacht und am Ende fliegt man raus.


Worüber er wohl gerade nachdachte? Es war Mittagszeit, also dachte er vermutlich ans Essen. So wie ich, aber ich denke eigentlich immer ans Essen.


Irland produziert ungefähr sechs mal so viele Lebensmittel wie wir hier auf der Insel selber futtern können. Was übrig ist, wird vor allem nach Großbritannien verkauft. Wie das nach dem Brexit laufen soll, weiß keiner so recht. Und selbst wenn die Iren für ihr Schaffleisch, die Kerrybutter und die orange-farbenen Cheddar-Berge andere Abnehmer finden, muss nun alles um die Nachbarinsel herum verschifft werden, was bislang einfach über sie drüber transportiert wird. Das ist teuer und dauert länger, was die Qualität von Milch und Fleisch nicht unbedingt steigert.


Auf dem Nachhauseweg kam dann die Nachricht, dass das britische Parlament eine Sitzung abbrechen musste, weil der Saal voller Wasser gelaufen war. Die haben einen Dachschaden, die Briten. Wohl wahr.