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  • Barbara Bierach

Die Rote Tür

Auf den Wiesen vor dem Haus toben die Lämmer. Besonders die schwarzen sind so niedlich, dass ich sie am liebsten umarmen würde. Doch ihre Mütter wollen davon nichts wissen und ergreifen die Flucht, wenn ich in meinen Gummistiefeln angestapft komme. Auch Martin, unser Pächter, dem die Schafe gehören, würde mir meine Sentimentalität um die Ohren hauen. Es handelt sich hier nämlich nicht um Knuddeltiere, sondern um den Osterbraten. Und so lange der noch herumläuft, wird der höchstens gegen Parasiten im Fell behandelt, ansonsten muss das Vieh hier zusehen, wie es klar kommt. Auch wenn es vom Atlantik mal wieder so bläst, dass es die Lämmchen schier weg weht.

Was auch schier fliegen geht, ist meine Hintertür. Die ist so alt wie die Welt und wird nur noch von der coca-cola-roten Farbe zusammengehalten, die ich ihr vor ein paar Monaten verpasst habe. Doch eine neue zu kriegen, ist gar nicht so einfach.

Dazu geht man zunächst ins Dorf zu Flynn, dem lokalen Saathändler. Der ist noch älter als meine Tür. Bei Flynn gibt es auch andere nützliche Dinge wie Schaufeln, Paletten oder Heizkohle. Und immer auch einen guten Rat. Den zu extrahieren, ist jedoch zeitaufwändig. Die Iren sind höfliche Leute, die wollen erst einmal hören, wie das werte Befinden ist. Dann wollen sie gefragt werden, wie sie sich selber fühlen. Sodann wird besprochen, wer im Dorf gerade geheiratet hat, gestorben oder im Krankenhaus gelandet ist. Dann kommt das Wetter dran: Dezember war zu warm dieses Jahr. Januar zu kalt. Nun sind die Lämmer dieses Jahr fast ein wenig zu früh geboren... was, wenn im Februar der Frost kommt? Auch die Schneeglöckchen sind zu früh dran und die Glockenblumen sowieso. Und hast du schon gehört? Stuart hat wieder ganz übel mit dem Saufen angefangen...

Am Ende empfiehlt Flynn ein Gespräch mit Sean Quinn. Den kann man aber nicht einfach anrufen, denn erstens geht er nie ans Telefon – ist schließlich neumodischer Kram – und zweitens will auch er ein richtiges Schwätzchen halten. Also fährt man hin und das Menuett beginnt von vorne: Befinden, Dorfklatsch, Wetter, die Lämmer-Saison und die Frage, wie wir uns denn einleben? Nun gilt es, unser neues Leben über den grünen Klee zu loben, denn die Iren sind der Meinung, dass es nirgendwo besser ist als da, wo sie gerade sind. Alles toll - bis auf die Tür! Schließlich erklärt Sean, er habe sich inzwischen zur Ruhe gesetzt. Aber er werde John, seinen Sohn, bitten, doch mal vorbei zu schauen und die Tür zu inspizieren. Der sei nämlich auch Schreiner.

John kommt zwei Tage später und kriegt erst einmal eine Tasse Tee. Wer immer in Irland zu deiner Tür reinkommt – und sei es der Gerichtsvollzieher – will erst einmal eine Tasse starken, heißen Tee mit Milch und Zucker. Dazu wird geschwatzt, doch John ist eine Generation jünger als Flynn und Sean, also geht es nach dem Befinden und dem Dorfklatsch um die Frage, wer wohin ausgewandert ist. London? Sydney? Toronto? Wo ist es am besten für einen irischen Schreiner? Letzten Endes zückt John das Metermaß und vermisst die Tür.

Zwei weitere Tage später erscheint Dermott. John habe ihn geschickt. Wegen der Tür. Er ist in Johns Alter, also wieder Tee, Befinden, Wetter, Lämmer-Saison und die relativen Vorteile von Kanada und Australien gegenüber Großbritannien. Auch Dermott vermisst die Tür und es stellt sich heraus, er ist der Vertriebsmann des Türen-Herstellers. Ich wage nicht zu fragen, wie viele Türen pro Woche er verkauft, wenn er dafür jeweils ins Haus kommen, Tee trinken und ein Schwätzchen halten muss.

Eine Woche später erfolgt erneut ein Anruf von John, er will nochmal kommen, diesmal mit Dermott. Zwei Tassen Tee und endloses Palaver später wird die Tür aufs Neue vermessen und ich werde gefragt, welche Farbe sie haben soll? Mit Fenster? Glatte Tür oder im Nut-und-Feder-Look? Griff silbern oder schwarz? Welche Art von Schloss?

Eine Woche geht ins Land, dann ist John am Apparat: Ob ich denn eine Anzahlung leisten könnte? Kann ich, kein Problem. Muss ich ja nicht mal Tee für kochen.

Seither habe ich nichts mehr gehört und John ist inzwischen wohl auch der Meinung, dass Telefone neumodischer Kram sind, von dem man sich besser fernhält, denn er geht nicht mehr ran.

Keine Missverständnisse. Es ist nicht so, dass John und Dermott jetzt mit meiner Anzahlung nach London oder  Sydney durchbrennen. Hier würde dich nie jemand betrügen. Nein, es geht jetzt alles seinen tee-geschwängerten, geschwätzigen Weg und spätestens kurz vor Ostern, wenn es dann warm und sonnig ist, wird auch meine Tür geliefert werden. Die ich dann längst nicht mehr so dringend brauche, wie während der Winterstürme im Februar. Hätte ich ja auch im Oktober drüber nachdenken können!

Das gute Stück wird mich stolze 1000 Euro kosten, ist ja auch kein Wunder, wenn man dafür so viel Tee trinken, reden, vermessen und telefonieren muss. Genug Geld jedenfalls, dass sich John und Dermott und ihre Familien die Lämmer für den Osterschmaus leisten können und ich kapiere: so funktioniert Irland.


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