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  • Barbara Bierach

Ins Knie Geschossen

Im Radio läuft irische Musik. Die gibt es im Wesentlichen in zwei Variationen: als Jig und als traurige Ballade. Jigs bestehen aus wildem Gefiedel und einem Rhythmus, der zum Herumhopsen einlädt. Traurige Balladen kommen gerne mal in gälisch und klingen, als hätte man dem Sänger soeben ins Knie geschossen. Beides lässt sich für maximal 20 Minuten ertragen, es sei denn man hat jede Menge Poteen zur Hand (siehe Blog vom 3. Dezember 2015).

In der Regel ist von wilden Trinkgelagen aber abzuraten, also fing ich an, eine traurige Ballade im Radio mitzusingen, um mich über das langgezogene Wehklagen lustig zu machen. „Oh, die bösen Engländer,“ jaulte ich über das Gälisch des Songs hinweg, „oh, sind sind soooo böhöse. Ich wär so gerne wieder in Galway Town... aber da sind die blöhöhöden Engländäääääar..." Viele dieser traurigen Songs handeln nämlich von Immigration, Verlust der Heimat und Sehnsucht.

Dann fiel mein Blick auf das verärgerte Gesicht des ollen Hubby. An meiner Singerei konnte es nicht liegen, denn diese Misstöne ist er gewohnt. Es musste also der Text sein, der Mann ist schließlich in England erzogen worden und gehört in Irland der nur dreiprozentigen Minderheit der Protestanten an. Aus Sicht der katholischen irischen Mehrheit ist er also ein Vertreter genau der „bösen Engländer“, die ihnen seit Jahrhunderten das Land wegnehmen, die Religion verbieten und die Sprache ausrotten.

Tatsächlich lebe ich in einem Haus, das auf bitterem Unrecht gebaut ist. Grob verallgemeinert gesprochen, kam das so: Nach der Reformation hatten die Engländer noch mehr Angst vor ihren katholischen Nachbarn Frankreich und Spanien, als zuvor schon und fürchteten, dass die das katholische Irland zu einem Brückenkopf für einen Angriff nutzen könnten. Also mussten aus Londons Sicht die „Papisten" auf der Nachbarinsel unbedingt auch reformiert worden. Zu diesem Zweck pflanzte die englische Krone nun seit Heinrich VIII protestantische Siedler nach Irland. Die eigentlichen Landbesitzer wurden in die Berge und ins Moor verjagt, die englischen Siedler bekamen all das fruchtbare Land. Daher der Hass – und die jahrhundertelange Armut der Iren. Das Ganze nennt sich „Plantation" - also wörtlich Verpflanzung. Ein angenehmer Nebeneffekt für die Krone war, dass man so unzufriedene Soldaten loswerden konnte, die sich um England verdient gemacht hatten, aber nicht bezahlt worden waren. Die bekamen nun Land in Irland und waren erst einmal ruhig gestellt. Und im übrigen hatten solche Leute wenig Skrupel, aufmüpfige Iren einen Kopf kürzer zu machen

Die Geschichte von Charlesfort verliert sich im Dunkel der Vergangenheit, aber es ist klar, dass unser Haus – Baujahr 1781 - ein Ergebnis dieser Plantation ist. Viele Jahre lang war es sogar der lokale Sitz der anglikanischen Priesters in der Gegend. Hinterm Haus steht noch der alter Glockenturm. Irgendwann haben es dann die Ahnen vom ollen Hubby gekauft. Wem das Land eigentlich gehörte und was bei der Vertreibung der Leute geschah, ist nicht bekannt.

Im Dorf reden sie allerdings immer noch über einen Reverend Moore, der hier während der Hungerjahre der Kartoffelfäule gelebt hat, also in den 1840er Jahren. Der hat auf Charlesfort einen Obstgarten angelegt und den Ertrag mit Waffen bewachen lassen, während um ihn herum die Menschen verhungerten. Das ärgert die Nachbarn heute noch.

Hinterm Haus, einige Kilometer den Berg rauf, tief im Moor, liegt der Mass Rock – der Messefels. Er stammt aus den Tagen, als die Menschen hier ihre katholische Messe nicht feiern durften und die Briten die Priester umbrachten. Damals pilgerten die Menschen aus unserer Gegend in die Berge zu diesem Fels, um dort das Abendmahl zu feiern.

Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass Land überall auf Welt immer wieder den Besitzer wechselt – und dass es dabei oft nicht mit Recht und Gesetz zugeht. Und dass Geschichte fast immer die Geschichte von Missetätern ist. Froh macht mich die Vergangenheit dieses Hauses trotzdem nicht. Und plötzlich haben die traurigen Songs im Radio eine ganz neue Dimension.



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