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  • Barbara Bierach

The Cure

Irland glaubt an „The Cure“ - nee, nicht an die englische Rockband, auch wenn die sich gelegentlich hier rüber verirrt. Gemeint ist „die Heilung“. Und zwar eine wundersame. Ivan, der Onkel vom Ollen Hubby zum Beispiel kann Brandwunden heilen. Dem Volksglauben nach geht das so: Ivan hat als junger Mann den Rücken einer Eidechse abgeleckt und kann nun den Schmerz von Brandverletzungen nehmen, indem er seinerseits die Wunden eines Brandopfers leckt. Ziemlich unhygienisch, wie ich finde. Doch viele hier im Dorf glauben dran und wann immer sich einer verbrennt, ist großes Geschrei: Wo ist Ivan? Es folgt Gerenne über Stock und Stein, bis Ivan gefunden ist und die Verletzung geleckt hat. Erst dann geht's zum Arzt – wenn überhaupt - und die Leute schwören, dass Ivans Zunge ihnen wirklich den Schmerz nimmt.

Ivan ist übrigens nicht alleine. Neulich war ein Mensch hier, um die Dachrinnen in Charlesfort zu säubern, weil ich mich nicht auf eine zwölf Meter hohe Leiter traue und der Olle Hubby sowieso nur mit den Augen rollt, wenn es um irgendwas geht, das mehr als einen Meter vom Boden entfernt ist.

Der Herr der Dächer erzählte mir dann beim obligatorischen Tee, den man irischen Handwerkern nach getaner Arbeit servieren muss, er sei unlängst von besagter Leiter gefallen. Aber zum Glück habe seine Nachbarin „the Cure“. Statt die Ambulanz zu rufen, hat er sich also ins Auto geschleppt, ist nach Hause gebraust und da hat ihm die Dame von nebenan die Hand aufgelegt. Danach sei der Schmerz weg gewesen.

Das wirft nun viele Fragen auf.

Wenn das klappt – wieso lecken nicht mehr Leute Eidechsen oder legen Hand an und werden Heiler?

Wozu brauchen wir noch teure medizinische Versorgung?

Und – wieso bin ich zu feige, das mal auszuprobieren? Ich könnte mich ja aus wissenschaftsjournalistischem Interesse mal verbrennen, wenn Ivan in der Nähe ist. Oder mich in Gegenwart der Handauflegerin von der Leiter stürzen.

Leider weiß ich, dass menschliche Spucke voller fieser Bakterien ist, die man besser nicht in Brandwunden appliziert und außerdem habe ich Angst vor Schmerzen.

Früher wohnten überall Geister, Dämonen, Zwerge und Feen. Inzwischen hat die der Rationalismus fast überall vertrieben und daher sind all die Fabelwesen, die nicht in Hollywood im Exil sind, nach Irland umgezogen. Hier glauben die Leute schließlich immer noch, dass man nachts die Hexe Banshee schreien hört, wenn einer sterben muss und dass im Morgengrauen die Geister betrunkener Seeleute an die Fenster klopfen. Sie sind überzeugt, dass es Feen gibt, die Kinder entführen und dass ihre sagenumwobende Königin Maeve früher zusammen mit den Wölfen jagte. Angeblich ist sie hier um die Ecke in aufrechter Position und in voller Rüstung begraben - den Blick zu ihren Feinden in Ulster gewandt. Den Leuten hier gefällt das – in Ulster sitzen schließlich die Briten.

Den Knocknarea, den Hausberg von Sligo, ziert in der Tat ein weithin sichtbarer Steinhaufen – das soll ihr Grab sein. Archäologen sagen, dass dieser 55 Meter breite, zehn Meter hohe und wohl 40 000 Tonnen schwere Steinhaufen 3000 Jahre vor Christus errichtet wurde – und daher nicht die Grab der sagenhaften keltischen Königin Maeve aus der Eisenzeit sein kann. Den Iren ist das allerdings herzlich egal. Wer auf den Knocknarea steigt, nimmt einen Stein mit hoch und legt ihn auf Maeves Grab. Aus Respekt. Und weil das Segen bringt. Auch wenn ich mich nicht absichtlich verbrenne oder von Leitern werfe, Maeve einen Stein aufs vermeintliche Grab tragen, das krieg ich hin. So irisch bin ich dann doch schon.


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